Levi Eisenschild wurde in der rauen Grenzregion der Ferner Enklave geboren — einem kalten, vom Krieg gezeichneten Landstrich, in dem Loyalität mehr wert war als Gold. Schon als Kind lernte er, dass Schwäche den Tod bedeutete. Sein Vater diente als Veteran der Enklavenmiliz, seine Mutter arbeitete als Heilerin für verwundete Soldaten. Trotz der ständigen Angst vor Überfällen galt ihr kleines Heim lange als sicherer Zufluchtsort.
Mit sechzehn trat Levi selbst der Miliz bei. Dort wurde er Teil einer Spezialeinheit, die Jagd auf Aufständische und Rebellen machte, welche die Herrschaft der Enklave bedrohten. Er war diszipliniert, wortkarg und unerbittlich — Eigenschaften, die ihm schnell den Respekt seiner Kameraden einbrachten. Levi glaubte fest daran, dass die Obrigkeit die Menschen beschützen würde. Ordnung war für ihn alles.
Doch dieser Glaube zerbrach in einer einzigen Nacht.
Während Levi mit seiner Einheit fern der Heimat stationiert war, griffen Rebellen sein Dorf an. Die Miliz erhielt frühzeitig Warnungen, doch die hohen Offiziere entschieden, ihre Truppen zurückzuziehen, um wichtigere Grenzposten zu sichern. Die Bewohner wurden ihrem Schicksal überlassen.
Als Levi zurückkehrte, fand er nur noch rauchende Ruinen vor. Seine Eltern waren tot. Das Haus, in dem er aufgewachsen war, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Zwischen den verkohlten Trümmern fand er das zerbrochene Amulett seiner Mutter — der einzige Rest seiner Familie.
Von diesem Tag an veränderte sich etwas in ihm.
Die Enttäuschung über die Obrigkeit fraß sich tief in seine Seele. Männer, denen er blind vertraut hatte, hatten entschieden, dass sein Dorf geopfert werden durfte. Levi blieb zwar Teil der Miliz, doch nicht mehr aus Loyalität — sondern aus bitterem Pflichtgefühl und dem Wunsch nach Vergeltung.
Kurz darauf geriet seine Einheit in einen Hinterhalt. Während eines erbitterten Kampfes traf ihn die Klinge eines Rebellen quer über die linke Wange. Die Wunde war tief, Blut rann ihm über das Gesicht, doch Levi kämpfte weiter, bis der Angriff niedergeschlagen war. Zurück blieb eine markante Narbe, die sich wie ein dunkler Schnitt über seine linke Gesichtshälfte zog.
Viele behaupten, die Narbe habe ihn härter gemacht. Andere sagen, sie sei das sichtbare Zeichen eines Mannes, der innerlich längst zerbrochen ist.
Heute gilt Levi Eisenschild als gnadenloser Jäger der Feinde der Enklave. In den Tavernen erzählen sich die Leute Geschichten über den schweigsamen Milizionär mit der Narbe, der selbst im dichtesten Schneesturm seine Ziele findet. Doch hinter seiner kalten Fassade brennt noch immer die Erinnerung an das Feuer, das ihm einst alles nahm.
Nach Jahren des Krieges, unzähligen Einsätzen und einer wachsenden Verbitterung gegenüber der Führung der Ferner Enklave wurde Levi Eisenschild schließlich klar, dass ihn seine Heimat nur noch an Schmerz erinnerte. Die Straßen, die einst von Leben erfüllt waren, rochen für ihn nur noch nach Asche und Verrat. Selbst seine Siege gegen Rebellen fühlten sich längst bedeutungslos an.
Als die Spannungen innerhalb der Enklave weiter eskalierten und Gerüchte über neue Machtkämpfe laut wurden, traf Levi eine Entscheidung, die er früher niemals für möglich gehalten hätte: Er würde die Ferner Enklave verlassen.
Im Schutz einer stürmischen Nacht begab er sich in die verfallene Hafenstadt Dornwacht, wo zwischen Nebel, Regen und zwielichtigen Gestalten alte Fischerboote und Schmugglerschiffe vor Anker lagen. Der Wind peitschte die dunklen Wellen gegen die morschen Holzstege, während Möwen kreischend über dem Hafen kreisten.
Dort fand Levi einen heruntergekommenen Kutter, dessen Kapitän für genügend Silber bereit war, ihn über das Schwarzwasser nach Gerimor zu bringen — jenem fernen Land, von dem man sagte, es sei voller Söldner, Händler und Flüchtlinge, die ihre Vergangenheit hinter sich lassen wollten.
Die Überfahrt wurde zu einer Prüfung.
Tagelang kämpfte sich das kleine Schiff durch peitschende Stürme und haushohe Wellen. Schwarze Wolken verdunkelten den Himmel, Regen schlug wie Nadeln gegen das Deck, und mehr als einmal glaubte die Mannschaft, das Meer würde sie verschlingen. Levi verbrachte die Nächte schweigend am Bug des Schiffes, den Mantel eng um die Schultern gezogen, während seine Finger unbewusst über die Narbe auf seiner linken Wange glitten.
Mit jedem Kilometer, den das Schiff zwischen sich und die Ferner Enklave brachte, wurde ihm klarer, dass er nicht nur ein Land zurückließ — sondern den letzten Rest des Mannes, der er einst gewesen war.
Als nach vielen Tagen schließlich die ersten Umrisse von Gerimor aus dem Nebel auftauchten, erhoben sich dunkle Türme und gewaltige Hafenmauern aus dem grauen Morgenlicht. Händlerstimmen hallten über das Wasser, Glocken läuteten in der Ferne und der Geruch von Salz, Rauch und fremden Gewürzen lag in der Luft.
Levi Eisenschild stand regungslos an Deck und blickte auf seine neue Heimat.
Ein Land voller Gefahren.
Ein Land voller Möglichkeiten.
Und vielleicht der einzige Ort, an dem ein gebrochener Mann noch etwas finden konnte, das einem neuen Anfang ähnelte.
