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Status: aktiv

Alter: 24 Jahre
Rasse: Mensch
Klasse: Priester
Geschlecht:
 
Zuletzt gesehen: 19.01.2021 22:32
 
ICQ: 744464041    

Beschreibung:

Vor mehr als sechs Jahren:
 
Wenn Felsen zu bröckeln beginnen…
 
Wild wehte der Wind um ihr blankes Gesicht, eisige Flocken prasselten in ihr rotes Haar, heulend, wimmernd, zog der Sturm durch das leere Geäst des Waldes.
Raia kniete auf der kleinen Lichtung, den Kopf gen Himmel erhoben, während die Kälte sie schon vor Stunden betäubt hatte.
„Eluive, Schöpferin, Mutter allen Seins, was geschieht mit mir? Ist dies Dein Wille, Deine Prüfung gar?“
Raia presste ihre blassen Hände vor ihren Leib, als wolle sie sich schützen, stützend haltend.
Waren es nicht der Prüfungen viele, die sie in kurzer Zeit bestritten hatte, waren es nicht der Schmerzen und des Leides genug?
Sie war doch keine Ritterin, keine Edle, warum nur wollte Eluive ihre Tugenden so sehr betrachten, noch mehr denn testen?
Eluive hatte sie auf die einsamste aller Reisen geschickt, sie ihrer Familie entrissen, um sie sich beweisen zu sehen.
Kurz bevor Hunger und Kälte den mageren Leib beinahe mit in die Unterwelt gerissen hätten, wurde Raia errettet, aufgenommen in Arme der Wärme und Geborgenheit.
Auch dafür hatte sie gearbeitet, nicht nur ihr Körper, sondern ihre Seele gar, hatte sich an die bestehenden Mauern geschmiegt, sich ihres eigenen Wesens beraubt, um das Geschenk Eluives mit allen Ehren zu empfangen.
Freundschaft… Welch` merkwürdiger Begriff dies doch nur war.
Er wurde viel zu oft zu nichtig betrachtet, viel zu oft missbraucht.
Freundschaft.. War es nur ein Trugbild…
Krachend brach ein Ast unter der Schneelast zusammen und ließ Raia zusammen fahren.
Ihr ganzer zierlicher Leib zitterte wie Espenlaub, Tränen waren längst versiebt.
„Warum quälst Du mich nur so, Eluive? Warum nur schenktest Du mir das Gefühl von Freundschaft? Niemals zuvor war ich darauf angewiesen, habe sie empfangen, und sie deshalb nie missen müssen. Wieso nur schenktest Du mir den Hauch eines Momentes nur das Gefühl? Besser hätte ich je ohne sie leben wollen, als nun zu sehen, dass sie nicht wahr ist!
Freundschaft! Ich habe sie nicht verdient, nicht wahr? Das mag ich verstehen, doch warum nur, Eluive, hast Du sie mir gezeigt? Der Qualen wegen, die nun unerträglich erscheinen?
Oder habe ich gar falsch gesehen? Der Weg den ich ging, war der Falsche…
Ich habe meine Tugend der Demut verloren, Eluive, mich meines Standes nicht mehr erinnert, mich der Tugend der Enthaltsamkeit erwehrt, indem ich das Gefühl der Freundschaft genoss!
Vergib mir, teuerste Schöpferin.“
Raia senkte den Kopf, das sonst zusammengesteckte Haar fiel um ihren Leib, umschmeichelte sie, wild und ihr Gesicht beinahe gänzlich verbergend.
Es war an der Zeit, sich seines Seins zu erinnern und an der Zeit, wieder nur zu den eigenen Wurzeln zurück zu kehren.
Peitschend schnitt der Wind in ihr Gesicht, der Schnee bedeckte ihre Füße, bedeckte ihr rotes Haar mit weißen Sprenkeln, bedeckte ihren Schoss.
„Ich habe meine Tugenden gewahrt, jene, die mir noch geblieben sind, doch jene, die der Opferbereitschaft und Demut, habe ich … sie sind mir entglitten, bei dem Wunsch…“
Ihr stockte der Atem… wütende Kälte zerbarstet ihre Lippen, die langsam, von Wort zu Wort mehr aufsprangen…
„Ja, ich wollte jemand anders sein, oh meine liebste Mutter der Erde, vergib mir, Du hast mich geschaffen, diesen einen Weg für mich gewählt und ich… ich wollte .. eine Adelige sein, nein, der Titel war es nicht.. es war nur der Wunsch nach dem Recht jener Freundschaften, die keine sein durften. Denn ich bin ihrer nicht ebenbürtig! Es war nicht mein Wunsch, aus meinen Pfaden auszubrechen, weil ich dies Leben jener, die ich zu lieben begann, teilen wollte, nein, es war, weil ich ihre Liebe teilen wollte.“
Langsam hob sie den Blick an, sah in die schwarze Nacht, die durch eisige Schneeflocken durchflutet wurde.
Mit langsamen, schweren Schritten machte sie sich auf, beschwerlich war der Weg heute Nacht, an Varuna vorbei, zum Kloster…
Lange sah sie auf die hohen Mauern, ging an ihnen entlang, strich mit der Hand sachte herüber.
Ein Gefühl der Wärme stieg in ihr empor, als sie sich an ihr nieder ließ.
 
Es war jene Wärme, die sie sonst nur durch Eluive spürte und sie ahnte, dass eine neue Zeit anbrechen würde. Eluive, die Raia all ihre Fähigkeiten im Umgang mit der Natur gegeben hatte, konnte ihr in diesen Dingen nicht mehr helfen. Temora, Eluives Tochter, die den Menschen jenen Frieden in Geist und Seele brachte, wäre ihre Rettung. Sie war es, die den Menschen die Hoffnung brachte und Hoffnung brauchte Raia. Aber es würde ein langer, sehr langer Weg werden und sie konnte nur hoffen und beten, dass sie eines Tages am Ziel ankäme. Raia hatte das Gefühl jeglichen Boden unter den Füßen verloren zu haben. Noch vor wenigen Wochen schien sie genau zu wissen, wer sie war, was sie wollte… Und jetzt? Wut und Missgunst schossen immer wieder wie kleine hinterlistige Blitze in ihre doch so reine Seele und sie hatte Angst! Raia hatte Angst sich zu verlieren, indem sich ihre Seele verdunkelte und den dunklen Mächten, die sie mehr als alles andere fürchtete, zuwendete. Diese ganzen Geschehnisse der letzten Monate hatten die Pferdezüchterin in ihren Grundfesten erschüttert. Sie war so viel verletzt worden, dass ihre Seele gefährliche Öffnungen für das Dunkle bot. Das musste sie verhindern! Und nur Temora und ihre Geweihten alleine waren in der Lage dazu, sie, Raia, zu schützen. Und Raia selbst musste den Weg vom Hass zur Güte wiederfinden. Es durfte kein Moment mehr vergehen, ehe sich auch nur ein dunkler Schatten in den Wunden ihrer Seele ausbreiten würde. In der Nacht bat sie Temora um Einlass und am Morgen…
 
Es gab keinen anderen Weg, sie würde die Buße und Reinigung im Kloster suchen, sich der Welt, die sie in ihren Bann ziehen wollte, entziehen.
Als der Morgen graute, lag ein etwas durchnässter Brief am Tor des Klosters:
 
„Eure Eminenz,
 
mein Name ist Raia Lathaia und ich erbitte um Obdach in dem Haus der edlen Temora.
Meine Seele ruft nach der Befreiung von den Schatten und einem Ort, da jene Seele wieder gereinigt und gestärkt werden kann.
So Eure Heiligkeit mir, einer einfachen Bäuerin, die unendliche Ehre zur Teil werden lasse, die heiligen Räume für einige Zeit aufzusuchen, wäre eine nach Reinheit und Pflege rufende Seele zum tiefsten Dank verpflichtet.
Für meinen Unterhalt würde ich gewiss selbst aufkommen und dem edlen Gemäuer der Temora alle mir bescheidenen Mittel zur Verfügung stellen.
 
In schier unendlicher Hoffnung,
 
Raia Lathaia“
 
 
 
Einige Monate später:
Raia wurde während der Zerstörung Varunas aufs Festland gebracht, wie alle Laien im Kloster. Es war im Morgengrauen, der Nebel lag in schweren, fast undurchsichtigen Schwaden über dem Land. Die Kampfgeräusche der letzten Nacht waren verklungen. Rauch hatte sich zum Nebel gemischt und hing schwer in der Luft. Viel besaß sie nicht mehr, so dass eine einfache Tasche alle Habseligkeiten zusammenfasste. Monatelang war sie nur im Kloster gewesen, schweigend, wie sie es sich auferlegt hatte. Raia hatte weder Kontakt zu jemanden aufgenommen, noch jemandem erzählt, wo sie hingegangen war. Seine Heiligkeit aus dem Kloster der Temora hatte ihrem Wunsch entsprochen und jedwede Nachfrage zu ihr unbeantwortet gelassen, denn auch das gehörte zur inneren Einkehr, der sie sich unterzog. Sie hatte jedweden Namen, der in ihr etwaige Gefühle auszulösen drohte, aus ihrem Gedächtnis verbannt. Bis zu jenem Tage, da sie das Kloster verlassen musste, um das Schiff nahe Bajard zu betreten, welches sie zum Festland bringen würde. Sie roch den Rauch der Vernichtung, spürte die schmerzerfüllten Schreie der Nacht, fühlte die Verluste. Streng gemahnte sie sich selbst, den Blick nicht gen Varuna zu richten.
Auf dem Schiff stand sie, in ihrem weiß-grauem Büßergewand und starrte gen der Rauschschwaden Varunas. Monatelang hatte sie im Gebet und der Meditation verbracht, hatte ihr altes Leben gänzlich hinter sich gebracht. Doch nun tauchten sie auf, die Namen, wie Rufe, die an ihrer Seelen zerrten. In ihr brannte der Schmerz des Verrates…
Antares….. Rafael…Cathal….Una.… Darna… Adrian.. Eileen… Liliana…. viele mehr.  Und neben diesen Namen tauchen unzählige Gesichter auf, die wie Wolken an ihren geistigen Augen vor rüber gehen.
Wären dort nicht die Monate der inneren Einkehr gewesen, wäre sie nun wieder von Bord gesprungen und ans Ufer geschwommen. Doch in ihr lag eine Stille und eine Ferne, die sie die Gefühle weit von ihr entfernt betrachten ließ.
Antares blieb sehr lange vor ihrem inneren Auge sichtbar. Der wunderschöne Junge, Ziehsohn Rafaels, mit den kupferfarbenen Haaren, den sie mehr liebte als sie sich jemals vorgestellt hatte, lieben zu können. Ihre Hände verkrampften sich vor ihrer Brust, so dass die Knöchel leicht hervortraten. Raias Bräune vom Feld war der Blässe der vergangenen Monate in der Inklusio gewichen. Die Muskeln vom stundenlangen Training mit den edlen Pferden waren deutlich zurück gegangen. Die Lebendigkeit in ihren Gesichtszügen hatte einer stillen Ernsthaftigkeit Platz gemacht.
Sie wusste nicht, wohin sie ihre Wege noch führen würden, aber eines war ihr gewiss. Sie würde jene Menschen wesentlich länger nicht wiedersehen, als sie noch vor einigen Monaten, als sie ins Kloster ging, gedachte hätte. Und mit dem Auslaufen des Schiffes wurde ihr bewusst, dass sie sie womöglich nie mehr wieder sehen würde. Eine einzige silbrige Träne lief ihre linke Wange hinab, ehe sie sich umdrehte und unter Deck ging.
Sollte man im Kloster, nach dem Krieg, nach ihr suchen oder irgendjemand es zufällig anderweitig finden, könnte man ein Buch aus ihrer Feder finden:
„Es war einst an einem klirrendkaltem Wintertag, als ich hierher kam. Die Zufälle und vielleicht die Prüfungen Eluives mögen mich in ein Leben getaucht haben, als ich nichtsahnend den Aushang von Darna von Hohenfels beantwortete und mit Rafael de Arganta zusammenstieß. Diese beiden Menschen haben mein Leben in einer Weise verändert, wie es sich eine Stallmagd, eine Bäuerin, eine Pferdezüchterin nicht hätte vorstellen können. Ich erlebte ein Leben, welches nicht für mich bestimmt war. Ich genoss die Gesellschaft der von Temora Ernannten, die die Geschicke des Landes leiten. Ich erlebte Menschen aller Stände und Berufungen, Zwerge, Elfen und sogar Letharen. Jede dieser Begegnungen prägte meine unscheinbare Seele. Und ich bin zutiefst dankbar! Es blieb und bleibt keine Zeit diesen wichtigen Personen meinen Dank auszusprechen. Einige sind bereits von uns gegangen, andere werden es noch tun. Nur Eluive kann einem jeden noch ein Zeichen meiner Dankbarkeit senden, wenn sie es denn wünscht. Ab dem morgigen Tag werde ich ein Schweigegelübte auf unbestimmte Zeit antreten und damit jedweden Kontakt zur Welt mir und anderen verwehren. Meine Gebete werden Euer Sein begleiten und wer weiß, vielleicht werden wir uns eines Tages wiedersehen.
Eure Raia Lathaia
P.S.: Antares von Falkenburg darf jederzeit einen Brief ans Kloster auf dem Festland senden. Er wird mich einzig erreichen.
 
In der Zwischenzeit:
Auf dem Festland war es ein wochenlanger Weg zum eigentlichen Kloster. In der Hauptstadt waren sie zunächst untergekommen, um von dort aus verteilt zu werden. Raia bat um ein Kloster, welches möglichst weit weg und einsam liegen würde. Ihrem Wunsch wurde entsprochen, da nicht so viele äußerst gerne dort ihr Leben verbringen wollten. Das Kloster war uralt, zwischen den Mauerritzen zog es genauso wie in jedem Fenster und unter jeder Tür. Und dennoch hatten diese Gemäuer die Schönheit der Welt für sich gepachtet. Raia, immer noch an ihr Schweigegelübte gebunden und mit Abstand das jüngste Mitglied im Kloster, verbrachte die Tage mit Reparaturen und Ausbesserungen. Als der Frühling kam, übernahm sie den Klostergarten auch noch und steckte ihre gewohnte Energie in alles, was es zu erledigen galt. Nur raus ging sie nie. Sie liebte den Schutz der Mauern, die gen Osten offene Wiesen vor sich hatten und im Westen, hinter sich, nur noch eine Steilküste aufboten. Raia war wahrlich am Ende der Welt. Und das beruhigte sie, denn sie wusste nicht, wie lange ihre Willenskraft noch andauern würde, um nicht in einem Dauerlauf das ganze Festland entlang zur Hauptstand zu rennen, ein Schiff zu besteigen und heim zu kehren. Aber hier war sie sicher, sicher vor sich selbst. Nur noch selten kamen ihr die Gesichter vor das innere Auge, nur noch selten lachte sie aus scheinbar heiterem Himmel, wenn sie an Mistgabeln und Schneeballschlachten dachte. Nur noch selten erinnerte sie sich an den Duft aus der Küche des Schlosses. Nach einem Jahr wurde ihr das Schweigen abgenommen, da man in einer langen Messe feststellte, dass sie ganz zu sich selbst gefunden zu haben schien. Als sie das erste Mal ihre Stimme wieder hörte, erschrak sie ein wenig. Die Jugendlichkeit war aus ihr gewichen und die Weiblichkeit und ruhige Kraft, die in ihr lag, erstaunte sie. Raia liebte ihr neues Leben und die Ruhe und den Frieden, den sie hier fand. Morgens vor dem ersten Tageslicht ging sie mit den anderen zur Messe. Danach versorgte sie die Tiere und kümmerte sich um den Garten und um die Küche. Wieder zur Messe. Danach stärkten sich alle im Speisesaal. Die Regeln, so sagten die Priesterinnen ihr, seien hier draußen manchmal nicht mehr ganz zu streng, da hier nur alte Frauen lebten, die hier und da mal kleine Ausnahmen bräuchten. Raia lachte ihr immer noch ihr gleiches Lachen und schüttelte gespielt verschwörerisch den Kopf. Wenngleich sie deutlich ruhiger geworden war, lag noch immer viel Energie und Lebensfreude in ihr, die sie nicht verloren und erst recht nichts von ihrem Tatendrang eingebüßt hatte. Die Priesterinnen mochten sie dafür und liebten es, dass frischer Wind – und nicht mehr der eisige Windzug – im Klosterleben Einzug gefunden hatte.
Nach drei Jahren, da auch niemand neues mehr gekommen war, war auch die vorletzte Priesterin des kleinen Klosters ob ihres Alters friedlich in Temoras Hände übergegangen. Nun lebte Raia nur noch mit einer uralten, fast tauben Priesterin dort. Sie liebte diese Frau, deren Bücher aus früheren Tagen sie verschlang. Einst musste sie eine der wunderbarsten Dienerinnen Temoras gewesen sein, als sie noch konnte. Und Anira würde, so Temora wollte, den nächsten Winter noch überleben, aber danach war alles ungewiss. Eines Abends legte Anira ihr eine lange Schriftrolle hin und setzt sich knöchern auf den schweren Lesesessel am Kamin. Raia rollte sie auf und las jene bedächtig. Nach einer langen Weile rollte sie jene wieder zusammen und sah zur Priesterin auf. Diese nickte ihr langsam zu und ihre grauen Augen ließen keinen Freiraum für Entscheidungen. Raia nickte also und verstaute die Rolle vor dem Schlafengehen in jener Tasche, die sie vor sechs Jahren bei ihrer Reise aus Gerimor mitgenommen hatte. Morgen vor genau sechs Jahren. Und in jener Nacht erschienen ihr viele bekannte Gesichter und Momente, als hätten sie sechs Jahre in ihr geschlummert, aber wären nie weggewesen.
Anira und Raia hielten die Messe vor dem Morgengrauen, Raia belud die Packpferde mit allen wichtigen Büchern und kleinen Heiligtümern des Klosters und sattelte ein Kaltblut, welches Anira sicher zur Hauptstadt bringen sollte. Raia führte das Pferd und band beide Packpferde hinten an. Ihre Sorge war es, dass Anira die beschwerliche Reise nicht schaffen würde, aber sie irrte sich. Die vielen Menschen, die Dörfer und kleineren Städte, die Aussichten…. all das schien Leben in die Priesterin zurückzubringen. In der Hauptstadt führte Raia das Gespann durch die engen Gassen zum Kloster, welches im Osten der Stadt lag. Zwischendurch umklammerte sie die Zügel des Kaltbluts, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Diese Massen, dieser Lärm und diese tausend Gerüche und so viele Menschen… Raia war haltlos überfordert und sackte zusammen, als sich die Klostertore hinter ihnen schlossen. Sie schlief beinahe zwei Tage, nachdem man sie in ein einfaches Gästezimmer gebracht hatte. Sie hatte Anira ihren letzten Wunsch erfüllt und sie zu ihrem einstigen Kloster, in welchem sie als Novizin begonnen hatte, zurück gebracht. Hier wollte Anira begraben werden und so sollte es geschehen. Raia ließ das Gefühl nicht los, dass sie ihr kleines Kloster an der Steilküste nie mehr wieder sehen würde. Nach wenigen Wochen, da die Priesterin Anira friedlich eingeschlafen war, trat die Hohepriestern des Klosters neben Raia, als diese sich gerade mit anderen Laien und Priesterinnen um den riesigen Klostergarten kümmerte.
„Raia? Es wird Zeit für Dich. Du musst aufbrechen.“ Raia war nicht mal verwundert, da sie ja kein Zuhause mehr hatte. Das alte Kloster war aufgelöst worden, da sich im Westen zunehmend die Bedrohung ausbreitete und dort nun ein Kastell Einzug halten würde. „Du wirst morgen früh das Schiff besteigen und in ein neues Kloster umsiedeln. Ich habe Dir einen Brief mitgegeben. Der wird seiner Heiligkeit des Klosters die Bitte vortragen, Dich aufzunehmen. Es wird Zeit, dass Du Temora auf andere Weise dienst. Es wird längst Zeit…“
Raia starrte die Hohepriesterin nur an, die Lippen leicht geöffnet und in ihr tobte der Sturm von Flucht, Gegenwehr, von Verlegenheit und Freude… von einem Gefühl des Aufbruchs und…. unwissend, einem Gefühl nach Hause zurückzukehren. Also nickte sie nur und stieg am nächsten Tag auf das Schiff.
 
Heute:
Nach wenigen Tagen stand Raia vorne auf dem Schiff und sah ruhig auf die See hinaus als sich plötzlich Land vor ihr auftat und ihr mit einem Mal den Atem raubte. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Es war sechs Jahre her, aber sie konnte Bajard noch immer erkennen. Der Geruch, die Geräusche… alles war ihr vertraut. Sie griff in die Falten ihres schlichten blauen Gewandes und presste die Fäuste zusammen. „Temora, schenk mir Kraft, Deine erste Prüfung zu bestehen.“
Einige Tage zog es Raia mehr in die Abgeschiedenheit der Wälder zwischen Bajard und Adoran. Sie hatte große Sorge, die ihr unbekannte Stadt zu betreten und sie hatte Angst Menschen wieder zu begegnen, die sie im Stich gelassen hatte. Es wurde Herbst, die Welt wurde in bunte Farben getaucht, als sie eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang gen Adoran aufbrach. Auf dem Weg dorthin stieß sie auf den Schrein Amyras und sie ließ sich im hohen Gras und weichem Moos nieder. „Ich bin doch sonst nicht so feige gewesen… was ist nur los mit mir?“ Die Tage des Umherirrens hatten sie müde und mürbe gemacht. Sie hatte kaum gegessen und ihre Gedanken glitten fern ab der bekannten Wege. Langsam rollte sie sich ein und spürte die Wärme jener Stelle, während ihr Blick auf den Schrein geheftet war, als würde er sich gleich offenbaren. Das tat er nicht, aber das erste Mal seit Tagen empfand sie Ruhe und innere Einkehr. Die Gedanken jedoch wechselten trotz des wachen Zustandes zu Tagträumen und sie erinnerte sich an das „rechte Maß“, welches die Priesterin Anira immer gepredigt hatte. Das rechte Maß an Mitgefühl. Es nützte nichts, wenn sie sich dauerhafte quälte. Sie hatte einer Aufgabe nachzukommen und sie sollte sich in Demut üben. Womöglich würde sich niemand mehr an sie erinnern und die ganzen Sorgen wären unbegründet. Sie war wegen ihrer Ehre ins Kloster und in die Einsamkeit gegangen, dachte sie damals. Aber in Wirklichkeit schien es der ihr vorbestimmter Weg zu sein. Tapferkeit.. Raia musste ob dieser neuen Aufgabe tapfer sein und in ihr keimte Hoffnung. Sollte sie eine Strafe erhalten, weil sie sich damals der Welt entsagt hatte, würde jene gerecht sein. Sie würde sich in Temoras Hände legen. Einen Moment noch glitten ihre Gedanken gen Eluive, wie sie die Welt im Innersten zusammenhielt und dachte an ihre Opferbereitschaft. Sie wusste, wie viel Entbehrungen das Leben in den Händen Temoras bereithielt und als sie von der Mutter Eluive im Inneren Abschied nahm, war sie bereit, jenes Opfer, der lang verehrten Eluive, gleich zu tun. Bisher war ihr Glauben immer intuitiv gewesen und sie hoffte, würde Temora Raia in ihre Arme schließen, dass die Geistlichkeit jene Intuitivität ersetzen konnte.
Raia drehte sich im warmen hohen Gras auf den Rücken und betrachtete, wie die untergehende Sonne den Himmel rosa-orange färbte. Sie folgte den Wolken, die vom Meer gen Land strömten und lauschte dem Wind, wie er zärtlich durch die Baumwipfel fuhr. Für einen Moment, jenen Frieden genießend, schloss sie die Augen, ehe ein Schatten über sie fuhr und einen deutlichen Windstoß hinterließ. Als sie die Augen öffnete, sah sie jenen wunderschönen Adler gen Meer fliegen.
Raia stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah dem edlem Geschöpft nach, wie es vom Gegenlicht umschlungen wurde. Die grünen Augen blinzelten einige Male und als sie an sich herab sah, fühlte sie Ruhe und Frieden. Es war ihr, als hätte jener Moment ihre Ängste fortgenommen und in ihr wäre eine neue Kraft erwacht. Ein winziger Funke, der noch kein Feuer macht und doch existiert…
Morgen, ja morgen würde sie zum Kloster der Lichteinigkeit gehen und um Einlass bitten. Morgen war der erste Tag eines neuen Lebensabschnittes.
Raia legte sich zurück und die Augen fielen zu. Friedlich, wie seit dem Verlassen des uralten Klosters, schlief sie bis zum nächsten Morgenlicht am Schrein Amyras.